Mein Jahr mit Wildniswind – ein Résumé

Nach einem Jahr habe ich die Online-Weiterbildung zur Naturmentorin bei Wildniswind erfolgreich abgeschlossen. 12 Monate habe ich Flora & Fauna in meiner direkten Umgebung kennengelernt, Wildnisroutinen in mein Leben integriert und meine Naturverbindung gestärkt.
Ein Auszug aus meiner Abschlussreflektion.

Ich habe mir in den vergangenen Wochen noch einmal all die wundervollen und achtsamen Naturmomente ins Gedächtnis gerufen, habe mir die unzähligen Fotos angesehen. Jetzt bin ich ganz sentimental. Was für ein schönes schönes Draußenjahr!

Ich habe mich für die Weiterbildung angemeldet, weil viele Menschen aus meiner Familie sehr naturliebend sind und ich dadurch sehr naturverbunden aufgewachsen bin. Ich hatte das Gefühl, meine Liebe zur Natur intensivieren und mein Wissen erweitern zu wollen.

Eine wichtige Rolle spielte dabei mein Großvater. Schon als ich ein kleines Kind war, hat er sich in den Kopf gesetzt, mir Natur nahe zu bringen. „Welcher Vogel singt denn da?“ „Was für ein Pilz wächst dort?“ Welches Tier ist hier entlanggelaufen?“. Er hat mich oft auf seine Waldtouren mitgenommen, sein unglaublich großes Naturverständnis und -wissen geteilt. Es war und ist ihm wichtig, dass ich achtsam mit der Natur umgehe, dass ich Natur kenne. Mein Opa Norbi ist Jäger. Und eigentlich ist er vielmehr Heger und Pfleger. Ein Kümmerer. Die Tiere sind seine Freunde – das ist seine Einstellung zur Natur. Jeden einzelnen Tag geht er in den Wald. Und auch wenn er sich wohl gewünscht hätte, dass ich in seine Jägerfußstapfen trete, freut er sich extrem darüber, dass ich mich so für die Natur interessiere. Das verbindet uns. Auch heute begleite ich ihn noch regelmäßig in den Wald. Ich rufe ihn an, wenn ich eine Waldfrage habe; er teilt seine Bücher mit mir.

„Seinetwegen möchte ich mein Wildniswissen und meine Naturverbindung immer weiter stärken. Weil ich schon früh gelernt habe, wie schön die Wildnis ist und wie viel man von ihr lernen kann.“

Zu Beginn der Online-Weiterbildung war ich etwas verunsichert, weil ich im Online-Austausch mit den anderen Windis das Gefühl bekam, dass ich als „Stadtkind“ immer etwas hinterherging, was das Entdecken der Arten der Woche anging. Klar, konnte ich mich jederzeit mit meinem Großvater in Brandenburg treffen, aber ich wollte gerade lernen, Stadtnatur für andere zugänglich zu machen, weil sie hier für viele weniger offensichtlich vorhanden ist.

Nach meinem Wildniswindjahr sehe ich meinem Umgebung differenziert: Die Landschaft, in die ich eingetaucht bin, ist die Stadt, in der ich lebe: Berlin. Berlin kann ziemlich chaotisch, laut und grau sein – ich liebe jedoch die Lebendigkeit meiner Stadt. Je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich Momente und Orte brauche und  mir schaffen muss, in denen ich vom schönen Chaos eine Pause nehmen kann. Es gibt bestimmte Orte, zu denen ich dafür im vergangenen Jahr immer wieder gekehrt bin: das Tempelhofer Feld, der Tiergarten, der Nachbarschaftsgarten, die Schönholzer Heide und die unmittelbare Umgebung hinter unserem Wohnhaus.

Die Landschaft hinter meinem Haus ist mir besonders dadurch ans Herz gewachsen, dass ich dort – direkt um die Ecke – sehr viele Arten der Woche vorgefunden habe und mich dort sehr intensiv mit ihnen beschäftigen konnte. Dort wachsen Holunderbüsche, Haseln, Weiden, Birken, Brennnesseln, Gänseblümchen, Knoblauchsrauken, Efeu, Rotbuchen. Und es ist immer sehr laut, weil unzählige Singvögel dort nisten und leben. 

Jedes Mal, wenn ich etwas Neues über die Natur, über eine Art, über eine Verhaltensweise eines Tieres gelernt habe und nach draußen ging, hatte ich plötzlich eine neue Brille auf. Eine erweiterte Brille. Und diese Brille ermöglicht mir nun, mehr zu sehen, detaillierter zu sehen. Je mehr man sich mit Natur auseinandersetzt, desto mehr sieht, spürt, riecht und hört man. Noch vielmehr: man kann gar nicht mehr wegsehen. Die Weiterbildung hat mir Augen geöffnet. Und jetzt, wo ich viele Tieren und Pflanzen genauer kennengelernt habe, ist auch die Gegend hinter unserem Haus für mich viel bunter geworden.

Das Land- und Stadtnatur auf – wie ich finde – unterschiedliche Art und Weise zu entdecken sind lässt sich an einem sehr stark in meinem Gedächtnis verankerten Beispiel  ganz gut zeigen: Jedes Mal, wenn ich meinen Opa sehe, tauschen wir die neusten Tierschnappschüsse aus und bewundern gegenseitig unsere kleinen neuen Naturabenteuer. Mein Opa war immer erstaunt, wie nah ich an zum Beispiel einen Fuchs oder an die Kanadagänse kam (bzw. wie nah die Tiere an mich herankamen). Er hatte nie in der Stadt gelebt. Zu Beginn dachte er immer, ich habe die Bilder im Tierpark gemacht. Einmal, hatte ich ein Foto einer Mandarinenente geschossen und mein Opa war ganz aus dem Häuschen. Noch nie hätte er eine im echten Leben gesehen. Und für mich sind Mandarinenten Teil des Stadtbildes. Es gibt sie bei weitem nicht so häufig wie Stockenten, aber bei uns an der Panke leben ziemlich viele Paare.


Und in diesem Moment realisierte ich: auch wenn ich keine Rehe und Graugänse direkt vor meiner Haustür habe – mit genügend Abstand und einer guten und wichtigen Portion Respekt, kann man die Natur hier ganz anders erleben, der Natur ganz anders nah sein. Und meinem Opa habe ich ein paar tage später die Mandarinenenten persönlich vorgestellt.

Eine zweite Sache, über die ich mir im Vorfeld Gedanken gemacht habe ist, dass ich mir – besonders was die Handwerkzeuge der Naturpädagogik angeht – gewünscht hätte, sie als Schülerin im direkten Austausch „am eigenen Leibe“ zu erfahren. Zum Beispiel in einem Live-Treffen mit bereits erfahrenen Wildnispädagog*innen. Was, wenn ich die Methoden falsch anwenden würde? Direkt Im Austausch mit meinem Opa, mit Verena, auf meinem Streifzügen in der Natur, während des Draußenwochenendes mit Steffi und auch während meines regelmäßig stattfindenden inklusiven Gartennachmittages, bekam ich nach und nach das Gefühl Wildnispädagogik austesten und anwenden zu können.

Ich bin dankbar für die tolle Begleitung durch Wildniswind und für die eigenständigen Erfahrungen, die ich bereits neben der Weiterbildung machen durfte. Und am Ende ist liegt Natur in unserer Natur. Wir sind Natur. Wir müssen uns nur den Raum geben, sie entdecken zu dürfen. Die Natur ist unsere Lehrerin. Und zwar eine verdammt tolle.

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